Kolumne von Thomas Rau

Kolumne von Thomas Rau

Am Weihnachtsabend 1968 machte Astronaut William Anders während der Apollo-8-Mission ein Foto von der Erde. Dieses Foto mit der Mondoberfläche im Vordergrund und dahinter im schwarzen Nichts die halbbeleuchtete Erde zeigte uns den Ort, an dem wir Urlaub machen.

Zum ersten Mal sahen wir, dass wir auf der Erde nicht die Gastgeber, sondern nur vorübergehende Gäste sind. Dieses Foto veränderte die Welt und war der Beginn für alle Umweltbewegungen. Das Foto von Anders hatte eine gigantische Auswirkung auf unser kollektives Bewusstsein. Aber das Intelligenzniveau, mit dem wir uns unserem ‚Dasein‘ nähern, ist noch immer verbesserungsfähig. Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Erde ein geschlossenes System ist. Und die Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Wie können wir unsere offene Gesellschaft und unsere freie Wirtschaft innerhalb dieses geschlossenen Systems organisieren?

Wirtschaft ist nichts anderes als das organisierte Verhältnis zwischen Mensch und Erde. Und an diesem Verhältnis müssen wir radikale Veränderungen vornehmen. Wenn wir weiter existieren wollen, müssen wir von einer Raubbauwirtschaft zu einer Ertragswirtschaft gelangen. Statt der Erde kontinuierlich neue Grundstoffe zu entziehen und diese nach Gebrauch wieder zu vernichten, müssen wir zu einer Erntegesellschaft werden, die nur das verwendet, was sie vorher gesät hat.

Dieses Ziel können wir nicht mit kleinen, vorsichtigen Schritten erreichen. Alles, was wir derzeit unter dem Mantel der Nachhaltigkeit tun, ist in Wahrheit nur die Optimierung eines fehlerhaften Systems. Was wir wirklich benötigen, ist eine radikale und revolutionäre Veränderung. Es muss sich wirklich alles ändern. Und zwar auf drei Ebenen. Geld darf keinen Selbstzweck darstellen, sondern muss einer Bestimmung dienen. Geschäftsmodelle müssen sich so ändern, dass Produkte als vorübergehende Grundstoffdepots gelten und als Dienstleistung angeboten werden. Und wir müssen von Verbrauchern zu Gebrauchern werden. Statt Teppiche, Lampen, Büros und Stühle zu kaufen, müssen wir Lauf-, Licht-, Sitz- und Tischstunden kaufen. Und nach Gebrauch holt der Hersteller seine Sachen wieder ab, um die Grundstoffe wieder zu verwenden.

Am wichtigsten und schwierigsten ist aber, dass sich bei uns ein mentaler Wandel vollzieht. Denn wenn man nicht bereit ist sein eigenes persönliches System zu verändern, kann man auch diesen großen Wandel nicht zustande bringen. Statt die Gesellschaft nachhaltiger zu machen, müssen wir einen mentalen Zustand herstellen und die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Cradle-to-Cradle und unser Turntoo-Modell (siehe turntoo.com) sind Plattformen, die diesen Wandel fördern wollen. Aber das ist erst der Anfang. Wir müssen unser Verhältnis zur Erde vollständig neu definieren, denn nur dann haben wir noch eine Zukunft.

Der Deutsche Thomas Rau (1960) arbeitet als Architekt in Amsterdam. Schon seit 1992 entwirft Rau nachhaltige Gebäude, bei denen Kreislaufwirtschaft im Mittelpunkt steht.